Eine kritsche Reflexion von Moritz Koch

Historischer Kontext:

Hitlers "Mein Kampf" gilt als eines seiner bedeutendsten politischen Manifeste und zeigte schon früh erschreckend genau Hitlers Weltanschauung und seine politischen Pläne für Deutschland auf. Das Werk war zunächst in zwei Teile gegliedert, die aber 1930 als einbändige Ausgabe in Bibelformat verkauft wurden. Den ersten Band schrieb Hitler während seiner Haft in Landsberg (1924-25) und das zweite im Anschluss an die Haft (1925-26). Bis zu den ersten Wahlerfolgen 1930 verlief der Verkauf schleppend, stieg dann aber schnell an und mit Hitlers Machtübernahme 1933 wurde das Buch endgültig zum Bestseller. Bis 1945 wurde es 12,4 Millionen mal verkauft. Außerdem wurde es in 18 Sprachen übersetzt, hatte aber im Ausland, wie zu erwarten, keinen großen Erfolg. Nach dem Krieg verschwanden viele Werke durch die Alliierten oder den Deutschen, die von nichts gewusst haben wollten und wurde lange Zeit, wie der gesamte Nationalsozialismus zu einem Tabuthema, welches die einen abschreckt und die anderen als etwas Verbotenes anzieht.

Inhaltlich behandelte "Mein Kampf" vor allem Hitlers Traum vom "Lebensraum im Osten", seinen Antisemitismus und Antikommunismus. Außerdem sollte es auch einen Gegenentwurf zum Marxismus und der Demokratie der Weimarer Republik präsentieren und Hitlers Rassenideologie mitsamt seiner Begriffe, wie "Volksgemeinschaft" oder dem "Führerprinzip", etablieren und verbreiten.

 

Aktuelle Debatte:

Mitte 2015 wurde eine hitzige, öffentliche Debatte darüber geführt, wie man mit dem Anfang 2016 auslaufenden Urheberrecht Bayerns von Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf", umgehen sollte. Dieses Urheberrecht bekam der Freistaat Bayern nach dem 2. Weltkrieg von den Alliierten zugesprochen, da Hitler in Bayern seinen Wohnsitz hatte. Demzufolge fiel der gesamte materielle, aber eben auch der geistige Besitz und somit auch das Urheberrecht an Hitlers Werk, an den Freistaat Bayern. So konnte bis heute der Nachdruck von "Mein Kampf" verhindert werden, was aber nicht zu einem generellen Verbot des Buches führte und somit "Mein Kampf" weiterhin für jeden im Internet, auf Flohmärkten oder auch in Bibliotheken erhältlich war. Genutzt wurden diese Möglichkeiten aber meist nur von Anhängern rechter Bewegungen, wie der Neo-Nazi Szene, die mit der "Halb-Legalität" einen Kult um das Buch schafften. Dies führte dazu, dass sich viele geschichtsinteressierte Menschen nicht mit dem Buch auseinandersetzten, da es einerseits schwer zu beschaffen war, lange Zeit Unklarheit über die Legalität des Besitzes von „Mein Kampf“ herrschte und es ausschließlich mit NS-Verherrlichung in Verbindung gebracht wurde. So kam es, dass heute den meisten Menschen Hitlers Gedanken, die in seiner bedeutendsten politischen Schrift niederschrieb, fremd sind. Durch die Debatte wurde dieses Buch nun rund 90 Jahre nach seinem Erscheinen wieder ein Thema, welches die Gesellschaft spaltet: Der Freistaat Bayern wollte zunächst juristische Schritte prüfen, inwiefern eine Verlängerung des Nachdruck-Verbots realisierbar ist und nachdem sich dieses Unterfangen als nahezu unmöglich herausstellte, wandte sich der Freistaat um Finanzminister Markus Söder 2012 an das Institut für Zeitgeschichte, welches schon lange an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung des Buches interessiert war. Nach der Empörung vieler Opferverbände des 2. Weltkrieges aus Israel und Deutschland unter der Führung von Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland, machte die bayrische Landesregierung um Horst Seehofer 2015 aber einen Rückzieher, beendete die finanzielle Unterstützung des Instituts für Zeitgeschichte, und kündigte an, ab sofort jede Neuauflage, inklusive der des Instituts für Zeitgeschichte, auf den Tatbestand der Volksverhetzung zu überprüfen. Trotz dieser erschwerten Bedingungen gelang es dem Institut für Zeitgeschichte, seine Arbeit fertig zu stellen und diese kommentierte Neuauflage Anfang Januar 2016 zu veröffentlichen. Dass es innerhalb der Bevölkerung großes Interesse an diesem Werk gab, zeigte sich darin, dass das Buch schon kurz nach seiner Veröffentlichung vergriffen war und somit schnell zum Bestseller wurde. Begründet wurde diese Veröffentlichung damit, dass man so unseriösen Neu-Verlegern zuvorkommen, zu einer Entmystifizierung beitragen und durch eine Einbettung Hitlers ideologischer Schrift in wissenschaftliche Anmerkungen und Berichtigungen Hitlers Weltanschauung widerlegen wollte. Dementsprechend umfasst diese kommentierte Ausgabe auch statt den 800 Seiten im Original 2000 Seiten mit rund 3500 Fußnoten, die laut Autorenangabe für jeden verständlich sein sollen.

 



 

Kommentierte Ausgabe als Unterrichtsmaterial?

Eine große Frage bei der Veröffentlichung der kommentierten Ausgabe war auch, für wen diese Ausgabe eigentlich geeignet sein soll. So gab es Befürchtungen, dass es zu einer durch und durch wissenschaftlichen Arbeit kommen würde, die lediglich für Historiker, nicht aber für den Rest der Bevölkerung ausreichend verständlich erklärt ist. Daraus ergab sich auch unmittelbar die Frage, inwiefern man diese Ausgabe nun auch im Unterricht verwenden kann, in dem "Mein Kampf" bisher kaum und wenn, nur an sehr kurzen ausgesuchten Passagen behandelt wurde, obwohl es ein zentrales Werk des Nationalsozialismus und damit auch unserer Geschichte ist, was eigentlich im Kontext des Nationalsozialismus mit aufgearbeitet werden sollte.

Zu der Frage der Verständlichkeit lässt sich sagen, dass die Autoren die Problematik, komplexe historische Zusammenhänge in kurzen Fußnoten allgemein verständlich zu gestalten, sehr gut gemeistert haben. Falls dennoch Verständnisfragen auftauchen sollten, ließen sich diese auch mit Hilfe der entsprechenden Lehrkraft oder mittels einer selbstständigen Information klären. Ebenfalls gut gelungen ist die systematische Widerlegung Hitlers Ideologie, mittels einer Einbettung in Berichtigungen, Verweise auf die Folgen des dritten Reiches und Begriffserklärungen.

Problematisch hingegen bei einer Behandlung im Unterricht, ist der Umfang des Werkes. So fällt es wahrscheinlich jeder Lehrkraft schwer, ein 2000 Seiten langes Buch in seinen schon so sehr engen Lehrplan zu integrieren. Würde man dies tun, käme es wahrscheinlich dazu, dass der gesamte Themenbereich des Nationalsozialismus auf die Behandlung von "Mein Kampf" reduziert werden würde. Dementsprechend ist von einer vollständigen Behandlung dieser Ausgabe im Unterricht abzuraten.

 

Ein Teil dieser Ausgabe von "Mein Kampf" könnte aber meiner Ansicht nach sehr gut begleitend zum Unterricht behandelt und hinzugezogen werden. So wäre es sicherlich hilfreich, zur Erschließung der Ideologie Hitlers einige Passagen zu lesen und gleichzeitig auf die Fehldeutungen Hitlers in Hinblick auf historische Ereignisse oder naturwissenschaftliche Fehlinterpretationen (z.B. "Sozialdarwinismus") hinzuweisen. Dies würde die Chance bieten, zu einer Diskussion und einer Auseinandersetzung dieser Themen zu kommen und hätte sicherlich eine präventive Wirkung auf rechtsextremistisches Denken. Weitere Themen innerhalb des Nationalsozialismus, die sehr gut begleitend mit dem Werk behandelt werden könnten wären: Antisemitismus und Judenverfolgung im „Dritten Reich“ sowie Hitlers Außenpolitik mit besonderer Betrachtung des Überfalls auf Polen und des Russlandfeldzuges.

 

Fazit:

Abschließend lässt sich sagen, dass diese wissenschaftlich kommentierte Ausgabe ein wichtiger Schritt für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist, die nun auch in Schulen genutzt werden sollte. Da sie aber vom Umfang her gleich eine ganze Unterrichtseinheit beanspruchen würde, wäre es empfehlenswert sie nur begleitend zu nutzen, um den Schüler/innen Hitlers Denkweise verständlich darzulegen, ohne den „Reiz des Verbotenem“ zu bedienen. Für Schüler/innen die schon von vornherein ein rechtes Weltbild oder eine rechte Denkweise verinnerlicht haben, eignet sich das Werk sehr gut, um mit ihnen in einen konstruktiven Dialog oder eine Diskussion zu kommen, der dazu führen könnte, dass sich diese Schüler/innen mit ihnen unangenehmen Themen auseinandersetzen und so im besten Falle ihr Weltbild überdenken und kritisch hinterfragen. Für solche Schüler/innen muss das Lesen des Buches aber mit einem gewissen Zwang verbunden sein, da sie wohl kaum freiwillig ein Buch lesen würden, welches ihr Weltbild mit rund 3500 Fußnoten akribisch widerlegt. Als Anregung für einen Dialog eignet sich hierfür sehr gut eine Gruppenarbeit zusammen mit anderen, anders gesinnten, Schülern die ihn somit auch direkt mit dem Thema konfrontieren. So könnten beispielsweise mehrere Gruppen gebildet werden, die unterschiedliche Themenfelder aus „Mein Kampf“ behandeln und diese zielführend herausarbeiten. Die Ergebnisse könnten dann den anderen Schülern im Präsentationsformat vorgestellt werden, sodass jeder einen Überblick über das Werk bekommt.

 

 

Quellen: www.bpb.com faz, Wikipedia, ifz-muenchen, zeit-online,