Im April 2016 jährt sich der Mord an Halit Yozgat durch den NSU zum zehnten Mal. Kurz nach der Tat fand ein Schweigemarsch durch Kassel statt, bei dem „Kein 10.Opfer“ gefordert wurde. Obwohl bei dieser Demonstration, wie auch bei allen anderen Morden und Anschlägen, die Angehörigen und Anwohner/innen wiederholt auf die möglichen rechtsextremistischen Motive der Täter hingewiesen haben, fand diese Perspektive kaum Eingang in die Ermittlungen, die Presseberichterstattung und somit auch nicht in die
öffentliche Wahrnehmung. Die rassistische Botschaft kam wohl bei den Betroffenen an, nicht jedoch in der Mehrheitsgesellschaft. Hier blieb das rassistische Motiv eine Leerstelle.
Vor dem Hintergrund der NSU-Morde befasst sich die Tagung mit der Frage,

· welche Mechanismen dazu beitragen, dass die Perspektiven Betroffener ausgeblendet werden konnten,
· wie stattdessen die Perspektiven von Menschen mit Rassismuserfahrung gleichberechtigt in den gesellschaftlichen Diskurs einfließen können,
· welche Handlungsempfehlungen sich mit dem heutigen Wissen um vergangene und aktuelle „Leerstellen“ mit Blick auf Rassismus ableiten lassen.

Die Auseinandersetzung mit Rassismus ist eine Querschnittsaufgabe, die verschiedene Handlungsfelder umfasst. Zahlreiche Studien der letzten Jahre belegen, dass rechtsextreme Einstellungspotentiale in der Mitte der Gesellschaft vorhanden sind. Es sind diese Potentiale, die dazu beitragen, dass oftmals die Perspektiven der von Rassismus Betroffenen nicht wahrgenommen werden. Sie können von der Beschäftigung mit rassistischen Tätern und Haltungen überdeckt werden und somit bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung häufig
eine „Leerstelle Rassismus“. In thematischen Workshops wird es darum gehen, welche „Rituale der Mitte“ hier wirksam sind, die sich auf die Wahrnehmung rassistischer Handlungen und somit auf die Konstruktion von Wirklichkeit auswirken, wie für Formen (alltäglicher) rassistischer Diskriminierung sensibilisiert werden kann und welche Handlungsempfehlungen
– mit Blick auf die Lehren aus der Gewalt des NSU – sich ableiten lassen.